Was macht eine Teamleitung eigentlich?
Frag drei Leute in einem Unternehmen, was die Teamleitung eigentlich macht, und du bekommst drei Antworten. Die Personalabteilung nennt Führungsspanne und Budgetverantwortung. Das Team sagt: die Person, die zu vielen Meetings geht. Die Teamleitung selbst zuckt mit den Schultern und arbeitet weiter.
Die Stellenanzeige verrät, was wirklich gesucht wird
Wer wissen will, was eine Organisation unter Teamleitung versteht, muss nur ihre Ausschreibungen lesen. Die Anforderungsliste ist lang und fast durchgehend fachlich: Jahre an Berufserfahrung im Fachgebiet, konkrete Werkzeuge, konkrete Verfahren, idealerweise ein bestimmter Abschluss. Irgendwo dazwischen steht ein Halbsatz über die fachliche und disziplinarische Führung von acht Mitarbeitenden.
Gesucht wird also keine Teamleitung. Gesucht wird eine Obersachbearbeitung — die beste Fachkraft der Abteilung, die zusätzlich noch ein paar Personalgespräche führt.
Das hat Folgen. Wer über den Fachweg in die Rolle kommt, bringt genau die Fähigkeiten mit, für die er eingestellt wurde, und für die Rolle selbst keine. Und weil in der Ausschreibung nie stand, worin die Leitungsarbeit besteht, füllt sich der Kalender mit dem, was messbar und vertraut ist: Sachaufgaben. Die Leitungsarbeit passiert dann abends, nebenbei, oder gar nicht.
Der zweite Effekt ist schlimmer. Wenn niemand die Rolle beschreiben kann, kann auch niemand sagen, wann sie gut ausgefüllt ist. Übrig bleibt ein diffuses Gefühl, dauernd zu wenig zu tun - und die naheliegende Annahme, man müsse eben noch mehr sein: Motivator, Konfliktlöser, Seelsorger. So entsteht aus einer unklaren Rolle eine überfrachtete.
Die Rolle ist eine Dienstleistung, kein Rang
Es geht auch anders. Teamleitung ist eine Dienstleistung für das Team, damit es gute Arbeit machen kann.
Dieser eine Satz dreht die Richtung um. Die Teamleitung steht nicht über dem Team, sondern arbeitet für es. Sie ist kein Titel, den man für lange Betriebszugehörigkeit bekommt, und keine Beförderung als Belohnung. Sie ist ein eigener Beruf mit einem eigenen Zweck: dafür zu sorgen, dass die Leute im Team ihre Arbeit tun können.
Das Schöne daran: Aus diesem Zweck lassen sich Aufgaben ableiten. Konkrete Aufgaben, die man in einen Kalender schreiben kann. Zehn davon halten wir für den Kern.
Damit heute geliefert wird
Beim Liefern unterstützen. Die erste Frage jeden Tag lautet nicht “Was arbeite ich heute?”, sondern “Was hält das Team gerade auf?”. Fehlt eine Freigabe, eine Information, ein Zugang, eine Entscheidung von außen? Diese Hindernisse aus dem Weg zu räumen ist Arbeit — und zwar die eigentliche.
Für Fokus sorgen. Teams werden selten durch zu wenig Arbeit gebremst, sondern durch zu viel gleichzeitig. Wer alles parallel anfängt, liefert nichts fertig. Die Teamleitung schützt das Team vor Aufgaben, die jetzt nicht dran sind, und hält aus, dass das nach außen unbequem ist.
Eingreifen, wenn sich niemand verantwortlich fühlt. In jedem Team gibt es Aufgaben, die zwischen zwei Zuständigkeiten liegen und deshalb liegen bleiben. Alle sehen sie, keiner nimmt sie. Das ist kein Charakterfehler, sondern ein normaler Effekt in Gruppen - und einer der wenigen Fälle, in denen die Teamleitung von sich aus handeln muss.
Damit die Zusammenarbeit trägt
Sich um die vereinbarten Teamgewohnheiten kümmern. Ein Team, das Absprachen getroffen hat, hält sie nicht automatisch ein. Gewohnheiten verwässern, wenn es stressig wird. Sie im Blick zu behalten und anzusprechen, wenn sie kippen, ist eine dauerhafte Aufgabe, keine einmalige.
Zu guten Teammeetings anleiten. Die meisten Teams verbringen viel Zeit in Besprechungen, die niemand vorbereitet hat und aus denen niemand mit einer Entscheidung herausgeht. Ein Team kann lernen, das besser zu machen. Beibringen muss es ihm jemand.
Für psychologische Sicherheit sorgen - und Feedback geben und annehmen. Gemeint ist nichts Therapeutisches, sondern eine sehr praktische Frage: Kann jemand im Team sagen, dass etwas schiefgelaufen ist, ohne dafür bezahlen zu müssen? Wo das nicht geht, werden Fehler versteckt, bis sie teuer sind. Die Teamleitung geht hier voran; auch darin, selbst Rückmeldung anzunehmen.
Nach besseren Strukturen suchen. Die Arbeitsweise eines Teams ist nie fertig. Was letztes Jahr passte, passt heute vielleicht nicht mehr. Regelmäßig zu fragen, ob es einen einfacheren Weg gibt, gehört zur Rolle.
Damit das Team auch in einem Jahr noch arbeiten kann
Einarbeitung organisieren und Übergaben. Neue Leute werden in vielen Teams ins kalte Wasser geworfen und lernen zufällig, was sie brauchen. Wer geht, nimmt sein Wissen mit. Beides ist vermeidbar, kostet aber Vorbereitung. Diese Vorbereitung ist Leitungsarbeit.
Dafür sorgen, dass die Arbeitsmittel gepflegt sind. Werkzeuge, Zugänge, Vorlagen, Ablage. Das klingt nach Verwaltung und ist trotzdem entscheidend: Ein Team, das jede Woche Stunden mit dem Suchen von Dateien oder dem Warten auf Berechtigungen verliert, hat kein Motivationsproblem.
Die Abstimmung mit anderen Einheiten organisieren. Kaum ein Team arbeitet allein. Wer mit wem wann spricht, welche Schnittstelle geklärt ist und welche nicht — das zu regeln ist Aufgabe der Teamleitung. Sie hält dem Team die Koordination vom Hals, damit es arbeiten kann.
Was nicht dazugehört
Auffällig ist, was in dieser Liste fehlt. Es steht nichts darin über das Auflösen privater Konflikte, über Motivationsarbeit an einzelnen Personen oder über das seelische Wohlbefinden der Teammitglieder. Zuhören gehört selbstverständlich dazu. Die Verantwortung für die innere Verfassung anderer Menschen nicht.
Ebenfalls nicht in der Liste: die fachliche Arbeit selbst. Eine Teamleitung darf fachlich mitarbeiten, und in kleinen Teams geht es kaum anders. Nur ist das dann eine zweite Rolle, die zur ersten dazukommt — und keine Erfüllung der ersten.
Teamleitung kann man lernen. In unserem Training “Teamleitung konkret” und im gleichnamigen Buch sprechen wir über das Mandat und die Stellenbechreibung von Teamleitungen.